Das Herz im Spiegel

Freitag, Juli 28, 2006

Die Wahrheit über Dornröschens Prinz

Von wegen wach geküsst! Ich habe diese Woche die schockierende Entdeckung gemacht, dass Prinzen nicht romantisch, sondern vielmehr chauvinistisch veranlagt sind. Diese gewichtige Erkenntnis wurde mir während meiner Examensvorbereitungen zuteil. :-)
Wie's dazu kam? Ich bearbeite zur Zeit mein Klausurthema "Märchen". Dabei habe ich entdeckt, dass die Brüder Grimm ihre Märchentexte nicht einfach nur gesammelt und aufgezeichnet haben, sondern sie haben in die tradierten Volkserzählungen eingegriffen und sie teilweise verändert. Das heißt, Jakob und Wilhelm Grimm haben die Märchen zensiert und so umgeschrieben, dass sie kindertauglich wurden (Märchen waren urprünglich nicht für Kinder gedacht!). Dabei haben sie ältere Texte als Vorlage benutzt. Da ich eine Analyse des Dornröschen-Märchens geplant habe und insbesondere die Intention und Arbeitsmethode der Brüder Grimm veranschaulichen möchte, besorgte ich mir neben dem Grimm-Text noch zwei andere Versionen von "Dornröschen". Die älteste Ausgabe ist von dem italienischen Dichter Giambattista Basile. Er ist vermutlich der ursprüngliche Erfinder von Dornröschen und veröffentlichte dieses Märchen ca. 1634. Diese Variante war es, die mich schließlich desillusionierte!
Basiles Geschichte beginnt zunächst ganz "normal" - ohne wesentliche Abweichungen von der Grimmschen Variante: Dornröschen (Ursprünglich heißt sie "Talia".) verletzt sich an einer Spindel und fällt tot (!) zu Boden. Aufgrund dieses entsetzlichen Ereignisses verlassen alle mitsamt dem König das Schloss und lassen die tote Prinzessin allein zurück. Eines Tages kommt ein König vorbei, der Dornröschens Schloss zufällig bei der Jagd entdeckt hat. So weit, so gut! Aber dann... Kein Kuss, wie sich das gehört! Der König entpuppt sich als lüstern, denn "Er wurde von ihrer Schönheit so entflammt, dass er sie mit eigenen Händen auf ein Bett trug und die Früchte der Liebe pflückte." Hallo??? Aber damit nicht genug: "Dann ließ er sie liegen (!!!), kehrte in sein Reich zurück und hatte lange Zeit hindurch das Erlebnis völlig aus dem Gedächtnis verloren." Wie bitte??? Und weil Märchen immer ein wahnsinns Feeling für den richtigen Moment haben, bekommt Dornröschen neun Monate später Zwillinge - ungeachtet der Tatsache, dass sie eigentlich tot ist. Die beiden Kinder saugen eines Tages die todbringende Flachsfaser aus dem Finger der Mutter. Woraufhin Dornröschen schlagartig "erwacht" und sich - offen wie sie für Überraschungen ist - nicht weiter über die zwei Kinder wundert.
Jahre später erinnert sich der König an sein kleines Abenteuer. Er kehrt zu Dornröschens Schloss zurück und stellt sich als Vater der Kinder vor. Nachtragend oder rachsüchtig ist Dornröschen auch nicht, denn sie ist geradezu entzückt (!) und schließt ein "enges Freundschaftsbündnis" mit dem König. Und damit geht die Geschichte erst richtig los: Es stellt sich heraus, dass der König eigentlich verheiratet (!!!) ist. Dummerweise mit einer Frau, die so intolerant ist, dass sie die Zwillinge zu Leckerbissen verarbeiten und Dornröschen auf dem Scheiterhaufen garen lassen will. Der Plan wird natürlich vereitelt - allerdings nicht von unserem "ruhmreichen" König. Der darf quasi dabei zusehen, wie seine Affaire seine ohnehin lästige Frau erledigt. Und die Moral von der Geschichte?
Dem Glücklichen fällt alles zu,
auch wenn er liegt in tiefer Ruh.

Na, Herzlichen Glückwunsch! Prinzen sind auch nicht mehr, was sie mal waren. Oder schlimmer noch: Sie waren es eigentlich nie!

6 Comments:

  • Also ich finde den Text "interessanter" als die Grimm-Version :-)

    By Blogger bekotainment, at 7/29/2006 06:03:00 nachm.  

  • Vor allem find ichs interessant, wie die Urgeschichten der Märchen waren (zB: Sandma(e)nn(chen)).

    By Blogger Joke, at 7/30/2006 01:23:00 vorm.  

  • Deswegen heißt der Spruch ja auch "Prinzen sind auch nicht mehr das, was sie nie waren!" ;)

    By Blogger tobi, at 7/30/2006 05:07:00 nachm.  

  • Das war ja aber nun sechzehnhundertschlachmichtod.
    Die Prinzen haben sich heute zu anständigen, frauenfreundlichen, netten Menschen entwickelt - sie sind nicht mehr das was sie mal waren ^^

    Und dabei sehen sie fast so gut aus wie ich ;p

    By Blogger DirionII, at 8/01/2006 01:20:00 vorm.  

  • Genau, zum Beispiel der Dingens... wie heißt der noch, der mit der Caroline von Monaco zusammen ist... der, der unschuldige Fotografen mit Regenschirmen zusammen schlägt und auf der Expo an Pavillons pinkelt. Ein absolutes Prachtexemplar heutiger Prinzen. Wie hieß der nochmal??? *überleg* Achja, Prinz Ernst August von Hannover (glaub ich), ein Wahnsinnstyp, ehrlich!!!

    By Blogger Holger, at 8/01/2006 10:28:00 vorm.  

  • Dazu muss ich (ebenfalls Dornröschen-Expertin) doch gerade mal meine Meinung abgeben:
    1. Deine Auffassung ist nicht nur interessant, sondern voll zutreffend.
    2. "Prinzen sind auch nicht mehr das, was sie nie waren" - lass ich so durchgehen ohne irgendwelche Einwände.
    Vielleicht sollten wir diesen Sachverhalt mit Fr. Prof. Dr. in der mündlichen näher diskutieren... möglich vor dem Teil in Sprache, denn dem Herrn Dr. verschlägt's vielleicht dieselbige - gut für uns!

    By Anonymous Eve, at 8/02/2006 05:12:00 nachm.  

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