Das Herz im Spiegel

Dienstag, September 19, 2006

Von Märchen, Mentos, Kalendersprüchen und Postkarten

Geschafft! Die Klausur liegt hinter mir. Bin total froh, erleichtert, müde, leer, erledigt, glücklich und beschenkt. Hatte bis jetzt einen äußerst interessanten Tag...

4°° Uhr: Bin hellwach. Stehe aber erst um viertel vor fünf auf, dusche in aller Ruhe, packe meine Sachen, gehe meine Lernkarten nochmal durch und frühstücke, weil ich entgegen aller Erwartungen einen Bärenhunger habe.

8:15 Uhr: Gießen. Während ich auf meine Freundin warte, muss ich plötzlich an den Monatsspruch denken, der auf unserem Kalender steht. Hatte ihn Anfang des Monats erwartungsvoll gelesen: „Wo Gott in der Mitte ist, da kehrt Ruhe ein.“ Alles klar! Ich und Ruhe?! Soll wohl ein Scherz sein! Fragte mich, wie Gott das wohl hinbekommen will… Aber… tatsächlich: Ich hab’ mich bei einer Prüfung noch nie so ruhig und gelassen gefühlt wie in diesem Augenblick! Welch ein Geschenk!

8:25 Uhr: Ich steh vor’ m Hörsaal A2, umgeben von lauter Studenten, deren Gesichtsausdruck Bände spricht und der mir nur zu bekannt vorkommt, weil ich ihn seit Wochen jeden Morgen im Spiegel begrüße. Man tauscht sich aus und stellt fest, dass jeder am Vorabend die gleichen Anrufe erhalten hat: „Das haben schon ganz andere geschafft! Mach dich nicht so verrückt! Du schaffst das!“ Ob wir wohl alle die gleichen Freunde haben? Bin plötzlich unsagbar dankbar für all die lieben Menschen, die jetzt an mich denken und für mich beten.
Na ja, und weil wir alle kurz vor einer Prüfung stehen – Eine Erfahrung, die verbindet! – drückt man plötzlich Menschen, die man eigentlich gar nicht kennt und spricht und lächelt jedem Mut zu, dessen Blick man einfängt. Man hat den Eindruck als schwebe hoch über uns eine einzige kollektive Denkblase. Wir denken alle das Gleiche.

8:52 Uhr: „Christine Eckel!“ Ich werde aufgerufen. Es wird ernst. Bin ruhiger als jemals zuvor. Endlich geht’s los. Ich betrete den Hörsaal, in dem ich die nächsten vier Stunden wie besessen schreiben werde, und begehe den Ort hinter dem roten Schild „Bitte Ruhe! Prüfung!“, vor dem man schon so oft ehrfürchtig gestanden hat.

9:05 Uhr: Start. Alle öffnen ihre Unterlagen und ich entdecke, dass mein Thema – Märchen – drankommt. Jippie! 30 Minuten lang sammle ich mich, meine Gedanken und zeichne mir kurz eine Skizze mit den wesentlichen Punkten und einer Zeiteinteilung auf, an der ich mich in den folgenden Stunden orientieren werde. Mein Zeitplan geht natürlich nicht auf. Ansonsten klappt es ganz gut. Ich schreibe wie besessen, krampfhaft und ohne Pause. Ich denke nicht an Rechtschreibung, Satzstellung, Formulierungen und leserliche Schreibweise. Es ist ein Schreibmarathon, ein Versuch, die Zeit zu überholen.

13:05 Uhr: Abgabe. Drücke der Aufseherin 26 Seiten in die Hand, wobei nicht alle komplett beschriftet sind. Hab’ teilweise viel Platz gelassen. Wahrscheinlich bleiben insgesamt circa 20 Seiten übrig. Meine Nervennahrung, die aus zwei Flaschen Traubenschorle, einem Käsebrötchen, Schokolade und Traubenzucker besteht, packe ich ungenutzt wieder ein. Alles, was ich zwischendurch gegessen habe, waren ein paar Mentos. Für mehr war kein Bedarf und keine Zeit. Als ich endlich aus dem Hörsaal stolpere, fühle ich mich wie in Trance, mein Nacken tut weh und meine Finger fallen mir fast ab.

16:15 Uhr: Wieder zu Hause. Auf dem Tisch liegt eine Postkarte von Eckels aus Gossfelden:

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Wie wahr! Fühl mich reich gesegnet. Danke, Herr, für alles!

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